Die Sprache der Linie

Vincent de Boer über Bewegung, Material und die Magie der Schrift

Bei der h3h Biënnale „A Deeper Shade of Soul“ in Oosterhout beobachtete Robert Rost den niederländischen Künstler Vincent de Boer bei der Arbeit. In der stillen Kapelle von Sint-Catharinadal verbindet De Boer Schrift, Ritual und Präzision – und zeigt, wie viel Tiefe in einer einzigen Linie liegen kann.


Ein Besuch in Sint-Catharinadal
Vincent de Boer (1988) ist ein bekannter niederländischer Künstler aus Utrecht. Nach seinem Studium für Grafikdesign an der HKU (2010) entwickelte er eine Leidenschaft für die kalligrafische Bewegung – für das, was nach dem Schreiben bleibt. Auf der h3h Biënnale in Oosterhout, kuratiert von Nanda Janssen, zeigt er eine Arbeit, die Spiritualität, Wiederholung und Material zu einem Ritual vereint.
Im Kloster Sint-Catharinadal, bewohnt von den Norbertinessen, schreibt Vincent die Namen und Sterbedaten aller Schwestern auf eine breite, mehrere Dutzend Meter lange Papierrolle. Während der täglichen Abendandacht werden alle Schwestern, die an diesem Tag in den vergangenen Jahrhunderten verstorben sind, namentlich genannt. Durch Vincents Hand erhalten diese Namen eine sichtbare, neue Präsenz.
Die Kapelle ist kühl und still. Die Zeichnmaschine – entwickelt von Jonas Wijtenburg – steht wie eine Skulptur im Raum. Sie führt das Papier, während Vincent konzentriert schreibt. Jede Bewegung ist bewusst gesetzt. Auf der Rückseite schreibt er die Namen spiegelverkehrt, damit sie auf der Vorderseite richtig lesbar erscheinen. Besucher stehen ruhig daneben, niemand stört die Konzentration.


Material und Methode
Auffällig sind die Materialien, die Vincent nutzt: die fünfzig Meter lange Papierrolle, die Gerstäcker auf seinen Wunsch hin ins Sortiment aufgenommen hat, und die flachen I LOVE ART-Pinsel, mit denen er das Projekt umsetzt.
Er arbeitet methodisch, aber frei – „improvisierendes Zeichnen“, wie er es nennt. Dabei legt er sich selbst Grenzen auf: manchmal nur fünf Farben, manchmal nur eckige Formen oder horizontale Strukturen. „Ich verändere die Codierung ein bisschen – und plötzlich ergeben sich unzählige Möglichkeiten“, sagt er.
Das Papier spielt eine zentrale Rolle: „Ich arbeite gerade besonders gern auf Wenzhou-Papier, das ihr bei Gerstäcker in mehreren Breiten anbietet. Es ist flexibel und stark zugleich – perfekt für meine langen Rollen.“ Beim Pinsel achtet Vincent auf Schärfe und Textur: „Ich will wissen, wie die Linie reagiert, wenn ich das Werkzeug kippe oder Druck verändere.“


Offenheit für das Unerwartete
Dass er für dieses Projekt auf einfache I LOVE ART-Pinsel zurückgreift, überrascht: „Das wäre dann auch mein Tipp – jede Arbeitsweise braucht anderes Werkzeug. Ich bin offen für alles. Ein Kinderpinsel aus Japan war sechs Jahre lang mein Lieblingspinsel!“ Entscheidend ist für ihn nicht der Preis, sondern das Ergebnis. Der Moment, als er das I LOVE ART-Modell 792 zum ersten Mal ausprobierte, blieb ihm im Gedächtnis: „Ich zog den Strich in die Ecke, und die Linie war so scharf – das schaffte kein anderer Pinsel.“
Gleichzeitig vergleicht er: „Natürlich hält ein da Vinci 1800 länger, aber dieser Pinsel gibt mir stärkere Kontraste zwischen dick und dünn. In der Rundung bleibt mehr Tinte – das passt perfekt zu der Schrift, die ich hier entwickelt habe.“


Über Wissen und Wiederholung
Vincent betont, dass jedes Projekt neue Materialentscheidungen verlangt: „Man muss seine Materialien durch und durch kennen. So baut man sich eine Bibliothek von Möglichkeiten auf, die später nützlich wird. Als Künstler sollte man Botschafter seines eigenen Prozesses sein.“
Er versteht Kalligrafie als Medium, das von Materialkenntnis lebt: „Experimentiert, schaut anderen zu, legt euch nicht zu schnell fest. Versucht zu begreifen, wie sehr das Werkzeug das Denken beeinflusst.“


Linien, Leben und Sinn
Mit einer einzigen Linie, sagt Vincent, könne man viel erzählen: Zögern, Energie, Rhythmus. „Eine Linie kann wie eine Lebenslinie sein – mit Anfang, Ende und vielleicht einer Rückkehr zum Ausgangspunkt. Es entsteht ein Kreislauf, und genau das fasziniert mich.“
Kunst, so Vincent, sei im Grunde eine Form der Sorgfalt: „Ich verschiebe Materie. Papier war einmal Baum, Tinte war Flüssigkeit. Ich bringe beides zusammen. Wenn meine Aufmerksamkeit wirklich da ist, verliere ich das Zeitgefühl – dann wird das Schreiben zu einer meditativen Handlung.“


Zwischen Tinte, Papier und Werkzeug
„Die Talens-Ostindische Tinte ist sehr gut, aber nicht meine Lieblingsfarbe“, sagt Vincent. „Meine bevorzugte ist eine japanische Tinte – aber die von Talens bleibt unglaublich stabil. Ich habe ein Werk, das seit Jahren in der Sonne hängt, und das Schwarz ist noch genauso tief wie am ersten Tag.“
Er erklärt, worauf es ihm bei Tinte ankommt: „Sie muss flüssig sein, nicht zu stark glänzen, dauerhaft farbecht bleiben und auch dann tiefschwarz wirken, wenn ich sehr trocken arbeite.“
Er lacht: „Ich arbeite grundsätzlich auf säurefreiem Papier. Das ist für mich Standard – auch bei Skizzen. Ich habe 2015 etwas auf minderwertigem Papier gemacht, das jetzt vergilbt ist. Das ärgert mich – man lernt daraus.“


Ein Buch voller Linien
Dann zeigt er uns sein Skizzenbuch – ein klassisches Seawhite of Brighton Casebound Sketchbook mit All-Media-Papier. Wenn er es aufschlägt, sieht man Seiten voller Zeichnungen, fast druckgrafisch präzise. „Die meisten entstanden mit Pinsel und Tinte“, erklärt er. „Wenn man sie unter der Lupe betrachtet, sieht man Details bis auf den Millimeter genau.“
Er demonstriert: Er setzt eine Seite des Pinsels auf, spreizt ihn leicht – der Strich verdoppelt seine Breite. Dann zieht er die Kante nach, setzt an der anderen Seite erneut auf und schleift die Bewegung aus. „So entstehen Linien, die ich nur als Linkshänder so setzen kann. Ich finde es schön, wie sich hier alles wieder zusammenfügt“, sagt er.


Über Wahrnehmung und Bedeutung
Robert – Du hast einmal gesagt, dass dich die mystischen Gegensätze im Arbeitsprozess interessieren – etwa die Tiefe einer Fläche oder die Zeit in einer Bewegung.
Vincent – „Ich weiß viel über Buchstaben – und damit über Kommunikation. Es geht nicht nur darum, was man sagt, sondern wie. Ein Wort kann man auf zweitausend Arten schreiben, und alle sind verschieden. Das fasziniert mich.“
Er fährt fort: „Man kann mit einer Linie Geschichten erzählen. Eine zögernde Linie, eine vibrierende, eine entschlossene – jede transportiert eine Stimmung. Eine Linie kann wie eine Lebenslinie sein: Sie beginnt, endet, kehrt vielleicht zurück, wird zum Kreislauf. Ich mag diese Metaphern – sie führen mich tiefer ins Verständnis.“


Vom Experiment zur Erkenntnis
„Ich darf mich als Künstler ständig in Themen vertiefen“, sagt Vincent. „Kürzlich habe ich ein Projekt über Plankton gemacht – und dabei gelernt, wie faszinierend diese Welt ist. Ich frage mich dann: Was ist meine Funktion? Ich bin Experte für Kalligrafie – also kann ich diese Begeisterung auf meine Weise sichtbar machen.“
Er lacht leise: „Ich las neulich, dass Spinnen einen Teil ihres Gedächtnisses im Netz speichern. Das ist doch verrückt. Ich glaube, ich habe ein ähnliches Gedächtnis – nur eben in meiner Hand.“


Die Linie als Meditation
Robert – Empfindest du dein Schaffen als Erfindung oder eher als Offenlegung?
Vincent – „Ich habe nicht das Bedürfnis, mir alles selbst zuzuschreiben. Ich zeige nur, was ohnehin da ist. Natürlich war da vorher keine Linie – aber das, was ich tue, ist eine Verlagerung von Materie: Papier war einmal Baum, Tinte war Flüssigkeit. Ich bringe beides zusammen.“
Er schaut auf die laufende Papierbahn. „Kunst ist für mich Aufmerksamkeit. Wenn ich wirklich präsent bin, verliere ich das Zeitgefühl. Dann wird das Schreiben meditativ. Ich bin nur noch Durchgang, durch den Bedeutung sichtbar wird.“


Über Sinn und Aufrichtigkeit
„Dieses Projekt handelt von Sinngebung“, sagt Vincent. „Es muss zuerst für mich Bedeutung haben, bevor ich sie anderen geben kann. Das hat mit Aufrichtigkeit und Begeisterung zu tun. Wenn ich beides spüre, fließt es ins Werk – und dann kann jemand anderes es ebenfalls fühlen. Nur so entsteht Verbindung.“


Materialien, die Bedeutung tragen
Am Ende zeigt er uns noch einmal seine bevorzugten Werkstoffe – alle über Gerstäcker erhältlich, wo viele seiner Anregungen direkt in die Produktentwicklung eingeflossen sind:
• Artist Paper N° 2 – Rolle 50 m
Auf Vincents Wunsch ins Sortiment aufgenommen. 150 cm breit, 180 g/m², beidseitig unterschiedlich strukturiert. Perfekt für großformatige Projekte.
• Wenzhou-Papier
Ein leichtes, widerstandsfähiges chinesisches Papier, hergestellt aus Bambus- und Salagofasern – geschmeidig, aber enorm reißfest.
• Seawhite of Brighton Sketchbook
Vincents bevorzugtes Skizzenbuch. All-Media-Papier, 140 g/m², in DIN A3 quer.
• I LOVE ART Pinsel 792
Flach, synthetisch, präzise Kante. „Ein Pinsel, der mich überrascht hat“, sagt Vincent.
• Royal Talens Ostindische Tinte
Klassiker mit hoher Lichtechtheit und tiefem Schwarz.


Über den Autor:

Robert Rost

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert