KREATIV SEIN
Gertrud und der Mut, es einfach zu machen
Gertrud Schetelig nennt sich selbst einen bunten Vogel. Als vielseitige Mixed-Media-Künstlerin verbindet sie Schrift mit Farben, Formen und Materialien zu lebendigen Kunstwerken.
Andreas Hollender, Herausgeber
Mit der INKademy einen außergewönlichen Weg eingeschlagen
Gertrud Schetelig nennt sich selbst einen bunten Vogel. Eine echte Mix-Media Künstlerin, denn Ihre Kunstwerke beinhalten nicht nur Schriften. Auch das Zeichnen nimmt einen großen Teil ein. Und genau so arbeitet sie auch. Farbig, neugierig, klar im Kopf und warm im Ton. Wer ihr zuhört, merkt schnell, dass hier nichts aufgesetzt ist.
Vom Sammelheft zur ersten eigenen KalligrafieWenn man Gertrud begegnet, hat man nicht das Gefühl, jemand sitzt auf einem fertigen Fundament. Eher so, als würde sie selbst, dieses ständig erweitern. Damit die weiteren Träume Platz für die Verwirklichung haben. Ihr Weg beginnt früh. Als Kind liebt sie alte Schriften und sammelt Vorlagen, die zeigen, wie man Fraktur oder andere historische Formen schreiben kann. Diese Hefte verschwinden irgendwann, ganz banal, weil jemand aufräumt und nicht ahnt, was da gerade weggeräumt wird. Es ist eine kleine Szene, aber sie passt sinnbildlich. Gertrud sucht jahrelang nach den Heften. Und irgendwann holt sie sich das, was fehlt, einfach zurück. Sie baut es neu auf. Mit Büchern, mit Übung, mit dem eigenen Kopf.
Dann kommt das Leben dazwischen. Ausbildung, Familie, Arbeit. Kalligrafie rutscht in den Hintergrund, bleibt aber als leiser Wunsch irgendwo im Kopf erhalten. Wie ein Notizzettel, ein Gedanke, der nicht weggeht. Und dann dieser Moment, den viele kennen und fast jeder zu lange verschiebt. Wann, wenn nicht jetzt. Rund um die Jahrtausendwende entstehen ihre ersten eigenen Arbeiten. Eine davon entsteht sogar, bevor sie überhaupt einen Kurs besucht hat. Das ist wichtig, weil es den Ton für alles setzt, was später kommt. Gertrud wartet nicht auf Erlaubnis. Sie probiert. Sie macht. Und sie schaut genau hin, was ein Wort braucht, damit es die passende Form bekommt. Bei ihr ist das nicht nur Lesbarkeit. Buchstaben dürfen bei ihr tanzen, lachen, trauern, sich umarmen. Sie sollen ausdrücken, was das Wort meint, nicht nur, was es sagt.
Dieses Denken macht ihre Arbeit sofort erkennbar. Schrift wird nicht dekoriert. Schrift wird gestaltet. Und Gestaltung ist bei Gertrud immer auch ein Weg vom Kopf übers Herz in die Hand. Erst wenn der Text bei ihr innerlich angekommen ist, darf er aufs Papier.
Lernen wie eine Handwerkerin, üben wie eine MusikerinMit vierzig schenkt sie sich ihren ersten Kurs. Und dabei bleibt es nicht. Sie reist, lernt, besucht Workshops, sammelt Wissen, schaut anderen über die Schulter und nimmt sich heraus, das Gelernte wieder zu drehen, bis es zu ihr passt. Sie beschreibt das selbst ganz offen. Lernen hört nicht auf. Und das spürt man in allem, was sie umsetzt.
Was besonders greifbar ist, ist ihre Beziehung zu Werkzeugen. Gertrud sagt sinngemäß, Kalligrafie lebe von Vielfalt. Klassische Schriften brauchen klassische Werkzeuge. Bandzugfeder, Spitzfeder, klare Regeln. Aber sobald es freier wird, wird auch das Werkzeug freier. Und dann schreibt sie eben nicht nur mit Feder. Sie schreibt mit Stöckchen, mit einem Strohhalm, mit Klavierfilz oder sogar mit einem Klarinettenmundstück. Nicht, weil es witzig klingt, sondern weil jedes Werkzeug eine andere Spur hinterlässt. Und jede Spur erzeugt ein anderes Gefühl beim Betrachten.
Damit ist sie nah an dem, was man in ihrer Arbeit immer wieder sieht. Linie ist nicht nur Linie. Linie ist Entscheidung. Mal streng und kantig, mal zart und kaum sichtbar. Mal kontrolliert, mal mit Schwung. Und Gertrud sagt selbst, sie habe lange sehr geplant gearbeitet. Layout, Elemente, alles sauber gesetzt. Heute liebt sie das Intuitive stärker. Dieses Umschalten ist kein Zufall. Es ist Erfahrung. Es ist das Vertrauen, dass nicht alles vorher festgezurrt werden muss, damit es trägt.
Auch beim Üben denkt sie nicht in schnellen Ergebnissen. Sie denkt in Wiederholung und Geduld. In einem Takt, der sich gut anfühlt. Sie spricht gern über Rhythmus, weil Rhythmus Druck rausnimmt. Wer schreibt, kennt das. Wenn die Hand hetzt, wird sie hart. Wenn der Takt ruhiger wird, wird die Linie ruhiger. Und plötzlich sieht die Schrift nach einem selbst aus, nur klarer. Gertrud bringt diesen Gedanken auch in ihre Handschriftarbeit. Nicht als strenges Programm, sondern als Einladung, mit Musik zu üben und die Hand wieder in einen gleichmäßigen Fluss zu bringen.
Einer ihrer liebsten Sätze zu Kursteilnehmern trifft genau ins Schwarze. Fünfmal schreiben ist erst der Anfang. Wer unzufrieden ist, soll nicht aufhören, sondern weitermachen. Zwanzigmal, dreißigmal. Bis die Hand versteht, was der Kopf will.
Rausgehen, Kurse geben, Strukturen bauen2007 geht sie mit ihrer Schrift zum Stadtmauerfest in Nördlingen. Der Impuls kommt vom jüngsten Sohn Michael. Und plötzlich steht sie da, mitten unter Menschen, mit einem Stand, mit geschriebenen Dingen, mit in der Öffentlichkeit. Gertrud beschreibt diesen Schritt als Mutprobe. Dieses Gefühl ist nachvollziehbar. Denn wer mit Schrift rausgeht, zeigt sich. Ohne Filter. Ohne Ausrede.
Zwei Jahre später kommt der nächste große Schritt. Ein eigenes Atelier in der Nördlinger Altstadt. Ein Raum, der nicht perfekt ist, eher dunkel und feucht, aber es ist ihr Raum. Sechs Jahre lang ist das ihr Ort, dort entstehen Arbeiten, dort entstehen Kurse, dort entsteht ein Kreis von Menschen, die bis heute bleibt. Und auch hier ist es wieder nicht die glatt polierte Gründergeschichte. Ihr erster Kurs entsteht nicht aus dem sicheren Gefühl, jetzt sei sie bereit. Er entsteht, weil jemand hartnäckig bleibt und ihr die Angst praktisch aus der Hand nimmt. Raum ist reserviert. Teilnehmer sind da. Jetzt machen.
Das ist ein Kern, der in ihrer ganzen Laufbahn wieder auftaucht. Gertrud wird nicht fertig, bevor sie beginnt. Sie beginnt, und sie wird unterwegs besser. Genau daraus wächst ihr Ruf. Nicht aus Lautstärke, sondern aus Verlässlichkeit. Aus der Fähigkeit, Dinge so zu erklären, dass andere wirklich weiterkommen. Aus dem Talent, Menschen mitzunehmen, statt sie klein aussehen zu lassen.
2015 zieht sie nach Reimlingen. Das Atelier wird Teil des Alltags. Ein großer Tisch, warme Räume, gemeinsames Arbeiten, gemeinsames Essen. Wer einmal so einen Kurs erlebt hat, versteht, warum Teilnehmer wiederkommen. Es ist nicht nur Inhalt. Es ist Atmosphäre. Es ist diese Mischung aus Konzentration und Leichtigkeit.
Dann kommt 2020. Lockdown. Von einem Tag auf den anderen sind Kurse und Jobs weg. Gertrud beschreibt das nicht dramatisch, aber klar. Plötzlich ist da Nichts. Und genau da passiert etwas Entscheidendes. Sie betritt die digitale Welt. Sie schaut, wie andere es machen, und dann macht sie es selbst. Nicht perfekt, aber echt. Onlinekurse entstehen. Videokurse entstehen. Und weil sie vielseitig aufgestellt ist, trägt sie diese Phase besser als manche, die sich nur auf einen einzigen Kanal verlassen haben.
Drei Jahre später gründet sie die INKademy. Eine Membership, die nicht nur aus einem Kursabend besteht, sondern aus einem Miteinander. Monatliche Einheiten, monatliche Treffen, eine Videothek. Content der immer weiter wächst. Das ist der Punkt, an dem ihr Weg nicht nur künstlerisch spannend ist, sondern auch unternehmerisch klug. Sie baut ein Modell, das weniger abhängig ist von Präsenzterminen, Wetter, Reisekilometern und dem nächsten freien Wochenende. Ein Teil der Arbeit entsteht einmal und bleibt nutzbar. Ein Teil lebt vom gemeinsamen Termin. Zusammen ergibt das Planbarkeit. Und ja, auch ein Einkommen, das wiederkehrt, statt jedes Mal bei Null zu starten.
Das ist der Teil, den viele unterschätzen. Gertrud hat nicht einfach nur ein Angebot. Sie hat eine Struktur gebaut. Diese Struktur ist vor allem persönlich. Sie ist Community. Sie ist das Gefühl, nicht allein am Tisch zu sitzen.
Zu dieser Verantwortung passt auch ihr Engagement bei Ars Scribendi. Sie ist Kuratoriumsmitglied und arbeitet im Verein auch ganz praktisch mit, dort, wo es oft keiner sieht. An der Website, am Newsletter, an den Fäden im Hintergrund. Das ist kein Glamour. Das ist Dienst an der Szene. Und es zeigt, wie sehr ihr Schrift mehr bedeutet als das eigene Portfolio.
Mit Sympathie und Authentizität zum ErfolgAm Ende bleibt ein Eindruck, der sich nicht künstlich herstellen lässt. Gertrud ist sympathisch, weil sie echt ist. Weil sie das Spielerische zulässt und trotzdem ernst nimmt, was sie tut. Weil sie nicht so gern das Offensichtliche mag, das laut schreit, sondern lieber das Subtile, das auf den zweiten und dritten Blick mehr erzählt. Und weil sie ihre Liebe zur Schrift nicht nur zeigt, sondern weitergibt. Als Wegbegleiterin, die Menschen ermutigt, den eigenen Ausdruck zu finden.
Weitere Informationen unter:
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