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In Ostfriesland wird getüdelt
„Tüdeln“ ist plattdeutsch und heißt in der freien Übersetzung so viel wie „sich mit nicht ganz so wichtigen Dingen, aber voller Hingabe, zu beschäftigen“.
Andreas Hollender, Herausgeber
Die Zeit, die man sich dafür nehmen sollte, heißt „Tied“. Und diese kommt oft viel zu kurz. Deshalb haben wir vor drei Jahren die TÜDELTIED ins Leben gerufen, die genau da ansetzt.
Wie oft sagen wir „Ich möchte so gerne mal wieder…, aber ich habe einfach keine Zeit?“ Weil die meisten von uns dieses Problem nur zu gut kennen, gibt es im beschaulichen Ostfriesland die jährliche Auszeit zum gemeinsamen Gestalten, Ausprobieren und Vernetzen.
Wer steckt dahinter?
Die ersten groben Ideen zur Tüdeltied entstanden im bunten Schmelztiegel der Creativeworld in Frankfurt. Dort haben wir uns vor Jahren kennengelernt und als ich im Lockdown von Düsseldorf nach Ostfriesland zog und überrascht feststellte, dass ich plötzlich in der direkten Nachbarschaft von Birgit (@wortwal) und Tine (@toeverstuuv) wohnte, waren wir nicht mehr zu bremsen. Vielleicht waren es auch noch Corona-Nachwehen, aber wir wollten unbedingt viele kreative Menschen zusammenbringen, und dem ganzen einen leichten und fröhlichen Rahmen geben.
Simone (@Ferretlettering), die als Einzige von uns in NRW lebt („Die kriegen wir auch noch!“), hatte im Norden schon mal eine Veranstaltung organisiert und wir kauten schon seit einer Weile auf diversen Ideen herum. Wir haben uns immer gefragt, wie müsste eine Veranstaltung aufgebaut sein, damit wir am liebsten selber teilnehmen wollen?
Simone Woters ist im echten Leben Lehrerin und wie für viele, war auch für sie das Handlettering der Einstieg in die Szene. Mit ihren Einblicken in das Thema Art Journaling hat sie erst kürzlich viele TeilnehmerInnen begeistert. Christine Gröger ist waschechte Ostfriesin und sammelt mit großer Leidenschaft Hobbies, mit denen sie die Welt ein bisschen schöner machen kann. Wenn wir glauben, etwas Neues entdeckt zu haben, erklärt uns Tine immer direkt wie es geht, sie ist unsere Wundertüte. Ich selbst bin freie Illustratorin und Comiczeichnerin. Ich liebe es, Materialien zu testen und mit anderen zu fachsimpeln. In Birgits Kreativstudio in der Leeraner Altstadt haben wir glücklicherweise ein tolles Zuhause für unsere Leidenschaften gefunden. Birgit – längst eine kreative Größe in der Region – war es auch, die von einem Bildungszentrum in der Nähe von Leer angesprochen wurde, ob man nicht mal ein künstlerisches Event organisieren könne. Da fügten sich dann plötzlich alle Puzzlesteinchen zusammen. Das evangelische Bildungszentrum in Potshausen ist eine ideale und idyllische Location. Die TeilnehmerInnen können dort alle übernachten, es wird lecker für uns gekocht und abends beim Grillen, lauschen wir den Kühen, malen uns gegenseitig die Skizzenbücher voll und tauschen uns aus. Das gibt ein wunderbares Klassenfahrt-Feeling, weil einfach alle zusammen sind.
Was genau passiert da in Ostfriesland?
Das erklärte Ziel ist, vor allem für Spaß zu sorgen und die Möglichkeit zu geben, ganz viele Kreativtechniken unkompliziert auszuprobieren und sich außerhalb von Instagram & Co. auf Augenhöhe zu vernetzen.
Ganz offensichtlich ein Konzept, welches eine Lücke schließt. Die erste Tüdeltied 2022 war bis auf den letzten Platz ausgebucht und in diesem Jahr waren die rund 60 Tickets schneller ausverkauft als ein Taylor Swift Konzert. Wir können und wollen nur eine begrenzte Anzahl an TeilnehmerInnen unterbringen, obwohl die Nachfrage vermutlich noch für eine zweite Veranstaltung im Jahr reichen würde. Doch eine Veranstaltung in dieser Größenordnung zu organisieren, ist eine Menge Arbeit. So haben wir immer ein sehr tatkräftiges Team aus Helferinnen, die als Shuttle Service einspringen, Materialien zu den Workshops auf dem weitläufigen Gelände bringen, und überall eine helfende Hand reichen, wo sie von Nöten ist. Ohne dieses Team würden wir das nicht stemmen können.
Da wir selbst aus ganz unterschiedlichen Disziplinen kommen, ist es uns wichtig, bei der Tüdeltied eine breite Palette an Techniken anzubieten. Wir wollen uns da auch gar nicht einschränken und haben das ganze Jahr über ein Auge auf neue Trends, neue Materialien und natürlich auch auf potenzielle DozentInnen. Es gibt nämlich immer zwei bis drei Workshops, an denen alle teilnehmen können. In der Vergangenheit konnten wir Szenegrößen, wie etwa Tanja Geier (@missniceday), Verena und Marvin Knabe (@gustavson_illustration), Stefanie Küppers (@fraeuleinteffi), Julian Rodermund (@juro_13), Katja Blume (@smundedesign) und weitere gewinnen. Zusätzlich zu den Workshops gibt es in der alten Dorfschule in Potshausen die Möglichkeit, Neues kennenzulernen. Hier werden an den Tüdeltheken beispielsweise Stempel geschnitzt, Gelprint oder Siebdruck ausprobiert und generell die unterschiedlichsten Materialen getestet. Hier lernen wir sehr viel voneinander und tauschen uns aus. Da sind schon reichlich tolle Ideen entstanden.
Alles ist möglich.
Die TeilnehmerInnen sind genauso vielfältig wie die Initiatorinnen und setzen sich zusammen aus „alten Hasen“, bekannten Gesichtern der Kreativszene und Menschen, die vorher noch nie bei so einem Event waren und bislang eher im stillen Kämmerlein getüdelt haben. Viele sind auch Multiplikatoren und geben das Gelernte später selber weiter. Hier mischen sich Profis und Neugierige. Das funktioniert prima und wir sind stolz darauf, dass wir uns hier alle auf Augenhöhe begegnen.
„Niedrigschwellig“ zu sein, ist eines der Zauberwörter der Tüdeltied. Wir wollen möglichst vielen Menschen diese Auszeit ermöglichen. Dank der Unterstützung des Bildungszentrums können wir das komplette Wochenende inkl. Workshops, Übernachtung und Verpflegung für einen vergleichsweise günstigen Preis anbieten. Hilfreich ist natürlich, dass wir zum einen sehr gut vernetzt sind, tolle KünstlerInnen unsere Idee mittragen und zum anderen wir wirklich viel Unterstützung von Unternehmen erhalten. Deshalb gibt es auch immer eine prall gefüllte Goodiebag und bereits im dritten Jahr fragten die ersten Hersteller an, ob sie etwas beisteuern dürfen. Auch hier versuchen wir, die Materialien mit den jeweiligen Workshops abzustimmen, sodass die Produkte auch direkt eingesetzt werden können.
Das große Interesse zeigt, dass es an allen Fronten Bedarf gibt und wir in die richtige Richtung planen. Die nächste Tüdeltied wird in 2025 vom 15. bis 17. August stattfinden und der Ticketverkauf wird über den Newsletter bekanntgegeben. Dann heißt es, schnell sein!
Wer kein Ticket ergattert, hat aber die Chance sich zu Einzelworkshops im Laufe des Jahres anzumelden, die als „Lüttje (kleine) Tüdeltied“ vorwiegend in Leer stattfinden werden. Auch hier werden wir unterschiedlichste DozentInnen einladen und uns allen möglichen Themen widmen. Zudem gibt es einmal im Monat den Tüdelstammtisch. Da wird getüdelt und geklönt. Und viele weitere Ideen entstehen.
Braucht man mehr Gründe für eine Reise nach Ostfriesland?