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Keine Eile. Aber dranbleiben.

Anna Ronchi über Disziplin, innere Stimme und die Kraft der Wiederholung. Was Kalligrafie für Sie bedeutet.

Andreas Hollender, Herausgeber

Morgens beantwortet Anna Ronchi zuerst ihre Mails im Posteingang. Anfragen und Bestellungen aus zwei Kalligrafie-Shops wollen bearbeitet werden. Und irgendwo dazwischen wartet das, was sie seit Jahrzehnten antreibt: Buchstaben. Ein Portrait über eine Italienerin, die die Kalligrafie in Italien geprägt hat und bis heute mit beiden Beinen im Alltag steht.

Der Morgen beginnt bei Anna Ronchi nicht mit Feder und Tinte, sondern mit dem Posteingang. „Dieses Werkzeug, das so viele Türen zur Kreativität öffnet, ist auch eine zweischneidige Klinge“, schreibt sie über das Internet. Es kann inspirieren, verbinden, möglich machen. Es kann einen aber auch wegziehen, weg vom eigentlichen Grund, warum man angefangen hat.

Und dieser Grund ist bei ihr glasklar. Es sind die Buchstaben. Dieses Kribbeln, das man keinem erklären kann, der nie stundenlang Striche, Kurven und Gegenschwünge geübt hat. „Ich bin von der Leidenschaft für die Buchstaben besessen“, sagt sie. Wer das kennt, liest den Satz und nickt sofort.

Wie Anna Ronchi zur Kalligrafie kam

1988, Roehampton Institute in England. Für Anna war das kein netter Kurs, den man mal macht. Es war ein Schlüsselmoment. „So prägend, dass ich die Mission gespürt habe, in Italien zu unterrichten, was ich in London gelernt hatte.“ Namen fallen, die in der Kalligrafie Gewicht haben. Ann Camp, Ewan Clayton, Gaynor Goffe. Menschen, die nicht nur Formen zeigen, sondern ein Feuer weitergeben.

Ronchi beschreibt ziemlich genau, was beim Schreiben passiert, wenn es gut läuft. Dieser Zustand, in dem alles leiser wird, weil der Kopf sich auf eine Sache festlegt. „Ein mentaler Zustand höchster Konzentration“, sagt sie. Alle Sinne aktiv. Man beobachtet nicht nur, man spürt Striche. Schönheit und Essenz zugleich. Das klingt nicht nach romantischer Überhöhung, sondern nach dieser schlichten Wahrheit, die jeder kennt, der einmal solche Konzentration erlebt hat.

Italico – Anna Ronchis prägende Schrift

Dass sie beim Italico gelandet ist, wirkt bei ihr fast logisch. „Es ist die Schrift, die Tradition am besten mit Spontaneität und Erfindung verbindet.“ Und dann dieser Satz, der viel über ihr Temperament verrät. Der Duktus kommt ihrem Instinkt entgegen, „recht schnell schreiben zu wollen“.

Das ist interessant, weil man Italico oft als strenge Schule sieht. Bei Ronchi klingt es lebendig. Ein Fundament, aus dem Variationen entstehen. Viele Wege. Und trotzdem bleibt sie handwerklich klar. Für dekorierte Formen braucht es eine leichte Hand, sagt sie. Diese Leichtigkeit kommt nicht aus Talent, sondern aus Praxis. Aus Wiederholung. Aus Stunden.

Und aus Respekt vor den Vorbildern. Sie studiert die Modelle der italienischen Meister und bezieht sich im Unterricht bewusst auf sie. Nicht als Zitat-Sammlung, sondern als Kompass. Sie schreibt es so, dass man es ihr sofort glaubt: Ohne diese Quellen kann sie nicht lehren.

Was Kalligrafie-Kurse mit Kindheit zu tun haben

Wer einmal einen guten Kurs erlebt hat, kennt das. Am Anfang Fragen, viele Fragen. Technik, Geschichte, Material. Dann Konzentration. Und irgendwann erzählen Leute plötzlich von früher. Ronchi sagt, diese Disziplin holt Kindheitserinnerungen hoch. Jeder bringt etwas mit, gut oder schlecht, oft beides.

Sie erlebt bei den Teilnehmern Neugier, aber auch Ausdauer. Sie wollen die Formen beherrschen. Und mit dem Wunsch danach kommt etwas, das heute fast ein Luxus ist: Geduld. Am Ende sind viele überrascht, wie viele Stunden sie in absoluter Konzentration verbracht haben. Und Ronchi weiß, was danach passiert. Man sieht Buchstaben in der Umgebung anders. Auf Verpackungen, Schildern, in der Stadt. Plötzlich ist Schrift nicht mehr Hintergrund.

Dranbleiben, auch wenn es nicht sofort gelingt

Anna spricht offen über die Unzufriedenheit mancher Teilnehmer, die es nach Kursen aber auch geben kann. Was auch völlig normal ist. Aber ihre Empfehlung ist eindeutig. Dranbleiben. Ergebnisse kommen in Relation zu den Stunden. Sie betont Disziplin und Ordnung. Material, Seite, Rahmenbedingungen. Nicht als Pedanterie, sondern weil gutes Arbeiten Ordnung braucht. Und sie warnt vor Hast. Vor Eitelkeit. Sie rät zur Bescheidenheit gegenüber einer Kunst mit langer Geschichte, tief verbunden mit Kultur.

Ein Satz bleibt hängen, weil er so ehrlich ist: Die Willenskraft, weiterzumachen, findet man nicht im Kurs. Die findet man nur selbst.

Kinder, Handschrift und die digitale Welt

Seit mehr als 15 Jahren beschäftigt sie sich mit der Handschrift von Kindern. Und sie beschreibt ein Problem ohne Umschweife. In Italien haben viele Kinder durch schlechten, oberflächlichen Unterricht Schwierigkeiten mit der Handschrift. Ihre Botschaft ist unbequem, aber gerechtfertigt. Eltern sollen einfordern, dass mehr Zeit fürs Schreiben im Unterricht bleibt. Lehrkräfte sollen nicht modernen und bequemen Abkürzungen folgen, sondern gegen die digitale Übermacht standhalten. Das Problem sei auch Ausbildung. Viele seien dafür nicht ausreichend geschult.

Und dann kommt der Satz, den man sich als Elternteil ruhig zweimal durchlesen darf. Eltern müssen selbst schreiben. Sonst wachsen Kinder nicht in einer Kultur der Schrift auf. Das ist kein moralischer Zeigefinger. Das ist Alltag. Kinder haben uns Erwachsene als Vorbild.

Die Gründung der Associazione Calligrafica Italiana

1991 gründeten sie zu sechst die ACI. Die Associazione Calligrafica Italiana ist der italienische Kalligrafie-Verein, der Kalligrafie in Italien durch Kurse, Austausch und Projekte fördert und vernetzt. Was sie alle antrieb, war kein Trend und kein Hobbyprojekt, sondern ein echtes Unbehagen.

Ronchi schreibt, dass es für sie kaum zu fassen war, wie wenig zeitgenössische Kalligrafie in Italien präsent war, obwohl das Land ein so reiches Erbe hat. Selbst im Grafikbereich sei man beim Thema Buchstaben hinterher gewesen. Vieles orientierte sich am Modernismus und am helvetischen Stil, während grundlegende historische Formen, etwa die Buchstaben der Trajanssäule, kaum bekannt waren.

Wie in Italien eine neue Kalligrafie-Szene entstand

Die ACI wollte diese Lücke nicht mit großen Worten füllen, sondern mit Arbeit. Es gab Kurse, viele davon mit sehr guten ausländischen Dozenten. Und wenn Ronchi auf die Jahrzehnte zurückblickt, merkt man, worauf sie wirklich stolz ist. Nicht nur auf die Menge der Teilnehmenden, sondern darauf, dass daraus neue italienische Kalligrafen entstanden sind.

Junge Menschen, die heute reisen, in Europa und weit darüber hinaus unterrichten, deren Arbeiten gezeigt und veröffentlicht werden. Für Ronchi ist das der Moment, in dem man merkt, dass eine Szene wächst. Wissen wird weitergegeben, dann kommt Bewegung hinein.

Kalligrafie-Werkzeuge, Federn und neue Ideen

Zu Unterricht und Verband kommt bei Anna noch ein zweiter, sehr realer Alltag. Sie führt zwei Online-Shops, Calligraphystore und Handwritmic. Damit geht es nicht nur um Bestellungen und Kundenanfragen, sondern auch um Entwicklung. Sie sagt offen, dass die größte Herausforderung darin besteht, wirklich gute Federn unter dem Handwritmic-Namen herzustellen.

Gemeinsam mit ihrem Mann Domenico hat sie Werkzeuge entworfen, die in der Szene bekannt sind. Ein Ruling Pen trägt den Namen Brody Neuenschwander, ein Erfolg, auf den beide mit Recht stolz sind. Dazu kommen weitere Werkzeuge, unter anderem Rohrfedern, gerade und schräg. Was bei ihr auffällt, ist der praktische Blick. Sie entwickelt nichts, was sie nicht selbst in die Hand nehmen und prüfen kann.

Wenn aus dem Testen neue Buchstaben entstehen

Und dieses Prüfen ist mehr als ein kurzer Test. Ronchi beschreibt, wie viel Arbeit darin steckt. Sie muss jede Feder durch ihre typischen Bewegungen führen, bis sie wirklich weiß, was das Werkzeug kann. Dabei füllt sie Seiten um Seiten. Es wirkt nach außen wie Routine, für sie wird es zur Quelle.

Während sie „kritzelt“, entdeckt sie neue Ideen und neue Buchstabenformen, die sie bewusst sammelt und später weiterentwickeln will.

Ein einfacher Rat für bessere Kalligrafie

Am Ende bleibt ein Rat, der nicht groß klingt, aber viel verändert, sobald man ihn ernst nimmt. Achten Sie auf die Körperhaltung. Der Arm soll frei bleiben und nicht am Körper festklemmen. Eine weiche Unterlage hilft. Genau so entsteht der Strich, der nicht nur korrekt ist, sondern lebendig wirkt.

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