Heute schon geschrieben? So übst du jeden Tag Kalligrafie

Nicht immer kann ich die richtige Voraussetzung zum Kalligrafieren finden – in mir drin und um mich herum. Ich weiß aber, dass Übung wichtig ist. Deshalb habe ich einige Ideen zusammengetragen, um Kalligrafie in meinen Alltag einzubauen.


Wenn ich mit den Buchstaben bin, mich auf das Schreiben einlasse, dann brauche ich die richtige Umgebung. Es muss ruhig sein, damit ich in das kalligrafische Arbeiten eintauchen kann. Ich will dabei nicht von Kindern, die an meinem Arm rütteln und meine Aufmerksamkeit wollen, von meinem Mann, der eine Frage hat, oder vom klingelnden Telefon gestört werden. Beim Schreiben will ich im Tun versinken und ganz bei mir sein.

Das geht nicht im Alltag. Die ideale Kalligrafie-Umgebung finde ich in Kursen, wo ich eine Woche lang mit mir und den Buchstaben sein kann, , der Terminkalender mich nicht einengt und keine Notwendigkeiten meinen Schreibfluss unterbrechen. Manchmal kann ich mir diese Insel am Abend oder am Vormittag daheim erschaffen. Das ist aber so selten, dass ich mich auf die Suche nach Möglichkeiten gemacht habe, jeden Tag zu üben und zu schreiben. Dabei entsteht vielleicht kein tolles Blatt, aber ich bleibe im Fluss.

Ein Kalligraf verriet mir einmal, dass er auf jeden Briefumschlag, der bei ihm ankommt, ein paar Buchstaben schreibt. Das ist sein Übungspapier. Die Briefumschläge entsorgt er danach, aber er hat geschrieben. Das hat mir gefallen. Zum schnellen Schreiben, ohne vorher Farben anzurühren oder nach der passenden Kombination von Papier und Tinte zu suchen, gibt es zahlreiche Werkzeuge. Pinselstifte, Calligraphy Pens, Füllhalter – selbst der gute alte Bleistift eignet sich hervorragend dazu, Buchstabenformen zu erkunden oder ausdrucksstark zu scribbeln.





Tagebuch und Art Journal

Eine sehr schöne Art des Schreibens geriet mir im Internet zwischen die Finger. Angelehnt an die Six-Word-Storys von Hemmingway (eine Geschichte in sechs Worten), kann man auch seinen Tagesablauf in sechs Worten festhalten. Was hat mir besonders gefallen? Was war bemerkenswert? Wofür bin ich dankbar? Was möchte ich aufschreiben? Dies kann man wunderbar mit kalligrafischen Spielereien und Übungen verbinden. Dabei ist der Übergang zwischen Zeichnen, Lettering und Kalligrafie fließend.

Wenn wir schon beim Tagebuchschreiben sind: Auch Skizzenbücher und Art-Journals lassen sich bestens durch eine schöne Schrift ergänzen und bekommen dadurch ein ganz anderes Flair. Das kann man gut häppchenweise erarbeiten, es braucht oft nicht viel: Eine kleine Zeichnung oder ein aufgeklebtes Ticket, zwei, drei Worte und das Datum. Ich habe für diesen Zweck einen kleinen handlichen Moleskine-Tageskalender in meiner Tasche. Wenn ich Wartezeiten habe, skizziere oder schreibe ich dort rein. Manchmal kurz und in Fragmenten, manchmal ausführlich. Je nach Laune und Zeit.


Die guten alten Briefe

Ich liebe es, meine ausgehende Post in Schönschrift zu adressieren. Leider werden heutzutage gar nicht mehr so viele Briefe geschrieben. Warum nicht das Briefeschreiben neu entdecken und etablieren? Früher habe ich regelmäßig an Mail-Art- und Kalligrafie-Post-Aktionen teilgenommen. Welch eine Freude, zu schreiben und kalligrafische Post im Briefkasten zu finden.





Oder – da fällt mir eine Idee der Designerin & Autorin Christina Vanko ein – handgeschrieben auf WhatsApp-Nachrichten zu antworten. Eine Woche lang beantwortete Christina ihre Nachrichten auf dem Smartphone mit Kalligrafie, indem sie klassisch auf Papier schrieb, es fotografierte und wegschickte. Etwas mühsam, aber eine gute Idee und ein bewusster Umgang mit dem schnellen Medium.


Spaß und Disziplin

Im Internet gibt es viele Anregungen für tägliches Üben. Da finden sich auf Instagram Mottos für jeden Tag, an denen man teilnehmen und seine Werke veröffentlichen kann. Man kann sich selbst für 30 oder 100 Tage dazu verpflichten, etwas zu tun. Dabei legt man für sich ein Thema fest. Das kann das Erlernen einer neuen Schrift sein, Collagen oder was immer einem einfällt. Ich habe im Frühjahr 100 Tage lang durchgehalten, jeden Tag etwas zu Papier zu bringen. Mein Thema war „Spuren“. Damit hatte ich mir selbst den größtmöglichen Spielraum gegeben: ich habe gezeichnet, gemalt, geschrieben, Collagen geklebt. Mein Fazit: Ich konnte die tägliche Zeit mit mir selbst, und war sie noch so kurz, sehr genießen.

Der amerikanische Comedian Jerry Seinfeld sagte einmal in einem Interview über das Geheimnis seines Erfolges: „Um gute Witze zu schreiben, musst Du täglich Witze schreiben. Auch an den Tagen, an denen Du Dich nicht danach fühlst. Ich nutze dafür einen Trick. Ich kaufe mir einen großen Kalender mit den 365 Tagen des Jahres drauf und häng ihn gut sichtbar an eine Wand. Dann kaufe ich mir noch einen dicken roten Stift. Jeden Tag, an dem ich Gags geschrieben habe, male ich ein großes rotes X ins Feld für diesen Tag. Nach ein paar Tagen hab ich eine Kette, die Tag für Tag länger wird. Ich liebe es, zuzuschauen, wie diese Kette immer länger wird. Selbst, wenn ich mal wenig Lust aufs Schreiben habe, will ich die Kette nicht unterbrechen. Umso weniger, je länger sie ist. Also setze ich mich doch wieder hin. Mein einziger Job ist, die Kette nicht abreißen zu lassen.“

Ich finde, das lässt sich wunderbar auf Kalligrafie übertragen.





Listen und Spuren auf Papier

Nicht zuletzt bleiben noch die zahlreichen Aufgabenlisten, Einkaufszettel oder kleine Botschaften an die Lieben, die man auf Klebezetteln im Haus verteilen kann. Das kostet wenig Mühe, schult aber Handschrift und Motorik.

Und wenn’s mal keine Buchstaben sein sollen, dann hinterlässt man Spuren auf Papier. Man kann mit verschiedenen Farben, Pinseln, schwarzem Tee, Kaffee, Schreibwerkzeugen und Papieren experimentieren. So erhält man mit der Zeit einen kleinen Fundus an interessanten Ideen für Collagen oder Hintergründe für die nächsten Kalligrafie-Arbeiten. Wenn einen wieder die Muse küsst und die Umgebung zum Schreiben passt.



Über den Autorin:

Ramona Weyde ist Designerin, Schönschreiberin und Mutter von 3 Kindern.
„Es erfüllt mich, Menschen zu inspirieren und durch mein Sein und Tun meine Umwelt zu gestalten.“

www.kallimagie.de

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